die mythische Pflanze der Vorweihnachtszeit „Den Brauch, in der Vorweihnachtszeit Mistelzweige aufzuhängen, haben die Blumenhändler aus England und Amerika importiert. Der Weihnachtsbrauch ist die letzte blasse Erinnerung an die bedeutende Rolle der Mistel im altgermanischen Mythos und im Volksglauben. Vom Vertrauen auf die Mistel blieb nur die vergleichsweise banale Ermächtigung, unter einem Mistelzweig jedes beliebige Mädchen küssen zu dürfen.“ Mit diesen Worten eröffnet Jürgen Dahl, ein zeitgenössischer deutscher Journalist und Autor seine Reflexionen zur Mistel. Aber nicht nur in der altgermanischen Mystik begegnen wir dieser faszinierenden Pflanze, auch in alten römischen, und sumerischen Quellen finden sich Legenden und Betrachtungen um die Mistel.

Der einleitend erwähnte und noch heute in England gelebte Brauch stammt wohl aus dem heutigen Irak: So war im alten Sumer die Mistel der Göttin Mylitta geweiht, der Aphrodite des Zweistromlandes. Jene Frau welche sich ihrem Dienst, der Tempelprostitution weihte, stellte sich in ihrem Tempel unter einen Mistelzweig und bot sich dem erstbesten Manne an, der ihre Gunst verlangte.

Neben so interessanten Aspekten welche wir über die Mistel in der alten Mythologie und im Volksglauben finden, so eröffnet uns diese, vor allem im Winter auffallende Pflanze, auch ungewohnte Möglichkeiten in der Gartenkultur. So kann eine „Besiedelung“ älterer laubabwerfender Großsträucher oder Bäume durch Misteln, eine durchaus attraktive, gartengestalterische NeuInterpretation dieser Pflanze eröffnen. Die Mistel ist zwar ein Halbschmarotzer, ernährt sich also zum Teil aus der Wirtspflanze, sie ist aber wie wir heute wissen keine „Baumtöterin“ wie vielfach angenommen wird. Die Mistel ist, wenn wir ihr Wesen genauer kennen, also keineswegs ein Parasit oder Schmarotzer. Zwischen ihr und ihrem Wirtsbaum besteht ein viel engeres Lebensverhältnis, dem man allenfalls mit dem Begriff der Symbiose gerecht wird.

Wer sich im eigenen Garten durch wintergrüne Ausblicke auf Misteln angesprochen fühlt, kann sich durchaus als „Mistel-Kultivateur“ versuchen: Man braucht dazu möglichst frische Früchte. An einem trockenen Dezembertag zerdrückt man sie zwischen zwei Fingern und klebt den Samen mit dem ihm anhaftenden zähen Schleim an die Rinde einjähriger Zweige. Binnen Stunden trocknet der Schleim und hält den Samen fest. …..Im März wächst aus dem Samen ein am Ende verdicktes Füßchen und krümmt sich sogleich zum Ast hin; sobald sein Ende die Rinde berührt, erweitert es sich zu einer Haftscheibe, aus der der erste Senker in den Ast eindringt. Ein Jahr verharrt der Mistelkeimling so … Erst im nächsten Frühjahr richtet sich dieses Ende auf, die Keim- und Laubblätter bilden sich. Von da an wächst die Mistel Jahr für Jahr in immer paariger Verzweigung etagenweise, und mit etwas Geduld wird man stolzer Besitzer einer nicht alltäglichen natürlichen Gartenskulptur.